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Hochsensibilität: Reize im Überfluss

„Stell´ dich nicht so an!“ – Ein Satz, den hochsensible Menschen häufig zu hören bekommen. Dabei wissen viele Betroffene nicht mal, dass sie hochsensibel sind. Kein Wunder: Das Persönlichkeitsmerkmal wird viel zu oft fälschlicherweise für eine Krankheit oder eine nervige Charaktereigenschaft gehalten. Und trotzdem die Ursachen für die Überempfindlichkeit noch nicht hinreichend erforscht sind, gibt es mittlerweile ein umfassendes Bild davon, was dieses Merkmal umfasst und wie ausgeprägt sein kann. Das Leben mit der Hochsensibilität ist nicht einfach, aber inzwischen gibt es viele unterstützende Angebote wie spezielle Coachings.

Allgemeine Merkmale: So erkennen Sie Hochsensibilität

Hochsensible Menschen unterscheiden sich von Geburt an von Personen ohne dieses Merkmal. Zusammengefasst bedeutet Hochsensibilität, dass ein betroffener Mensch stärker auf Reize reagiert als der Durschnitt. Geräusche, Gerüche, Geschmäcker oder Gefühle werden von hochsensiblen Personen, kurz HSP, intensiver wahrgenommen. Die amerikanische Professorin und Psychotherapeutin Elaine N. Aron, selbst hochsensibel, beschäftigt sich seit den 1990er Jahren mit dem Phänomen und gilt als eine Begründerin der Namensgebung. Sie hat einige Eigenschaften identifiziert, die auf viele Hochsensible zutreffen. Dazu gehören unter anderem eine ausgeprägte subtile Wahrnehmung (vielschichtige Fantasie und Gedankengänge), erhöhte Schmerzempfindlichkeit, hohe Begeisterungsfähigkeit und sehr vielseitige Interessen, ein sehr ausgeprägtes Langzeitgedächtnis, psychosoziale Feinwahrnehmung (Befindlichkeiten, Stimmungen und Emotionen anderer Menschen werden leichter und detaillierter erkannt), ausgeprägtes intuitives Denken, langer emotionaler „Nachklang“ des Erlebten, Denken in größeren Zusammenhängen, ausgeprägter Altruismus und Gerechtigkeitssinn, großes Harmoniebedürfnis, ausgeprägte Gewissenhaftigkeit, intensives Erleben von Kunst und Musik sowie Perfektionismus.

Durch diese Eigenschaften kommt es dazu, dass Hochsensible durch die Reizüberflutung häufig erschöpft und müde sind, oder länger für Tätigkeiten brauchen, die nicht betroffene in viel kürzerer Zeit erledigen. Darüber hinaus sind sie häufig leichter zu verunsichern und empfinden sich selbst oft nicht als zugehörig – weil sie eben vieles anders empfinden als ihre Mitmenschen.

Begabung oder Krankheit? Diagnose und Zusammenhang mit Krankheiten

Die Frage, die sich viele während der Beschäftigung mit dem Phänomen stellen, ist, wie diese Reizüberflutungen entstehen und was die Ursache für Hochsensibilität ist.

Wissenschaftlich steckt die sogenannte High-Sensitivity-Forschung (HS-Forschung) zwar noch in den Kinderschuhen, denn Hochsensibilität gilt nicht als Krankheit sondern vielmehr als potenzieller Auslöser für Erkrankungen wie Depression oder Burnout. Erste Erkenntnisse zur Entstehung gibt es dennoch. Fest steht, dass Betroffene Reize im Gehirn anders verarbeiten, als nicht hochsensible, denn sie brauchen für die Verarbeitung länger. Laut einer chinesischen Studie aus dem Jahr 1997 sind auch die Gene zumindest mitverantwortlich für diesen Umstand. Dies gilt zwar als wahrscheinlich, einen anerkannte neurophysiologische Theorie existiert jedoch noch nicht.

Auch ein einheitliches Diagnoseverfahren zur Feststellung von Hochsensibilität gibt es nicht. Durch verschiedene Fragebögen und die professionelle Auswertung dieser lässt sich aber durchaus eine grobe Einschätzung darüber erzielen, ob man betroffen ist.

Vor- und Nachteile: So leben Hochsensible mit der Besonderheit

Hochsensible fallen vor allem dadurch auf, dass sie scheinbar unwichtigen Dingen größere Bedeutung beimessen als andere Menschen. Durch die häufig vorkommende Detailverliebtheit und der großen Wichtigkeit von Kommunikation benötigen HSP eine ruhige Atmosphäre, die oft schwer zu finden ist. Bei Leistungsdruck sind Hochsensible schnell überfordert, weiterhin gelten sie als Querdenker und legen Lösungsstrategien an den Tag, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen – weil ihnen diese zu ineffizient erscheint. Diese Umstände sorgen dafür, dass HSP bei anderen Menschen regelmäßig auf Unverständnis stoßen.

Doch Hochsensibilität hat nicht nur negative Seiten. Betroffenen Personen wird häufig zugeschrieben, dass sie besonders einfühlsam und aufmerksam sind. Dadurch pflegen Hochsensible oft sehr enge Beziehungen zu den Menschen in ihrem Umfeld. Auch gelten sie als verantwortungsbewusst, zuverlässig und kreativ. Besonders diese Eigenschaften machen HSP, weiß man erstmal um ihre Besonderheit und wie man mit ihr umgeht, zu wertvollen Freunden oder Teammitgliedern im Job.
Da Hochsensible jedoch häufig mit ihren Charaktereigenschaften überfordert sind, lohnt sich bei vielen ein Coaching, in dem sie sich selbst besser kennen und mit ihrer Besonderheit leben lernen. Einschlägige Angebote sind speziell auf hochsensible Menschen und deren Bedürfnisse ausgelegt.
Laut Elaine N. Aron sind übrigens 15 bis 20 Prozent aller Menschen hochsensibel – Grund genug, sich zumindest mit dem Phänomen auseinanderzusetzen. Vor allem wenn Sie selbst Hochsensible im eigenen Umfeld haben, kann ein Grundverständnis für dieses Persönlichkeitsmerkmal dabei helfen, diese Personen besser zu verstehen.